HINTERGRUND-Schulz - Der 100-Prozent-Kandidat

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Von Würselen über Brüssel nach Berlin. Aber dieses galt mindestens so sehr seiner Einsicht, den Stab an Schulz weiterzureichen.

Schulz wies seinerseits Vorhaltungen zurück, er weiche inhaltlichen Diskussionen aus. Sein Handeln sei zutiefst sozialdemokratisch. 13000 Neumitglieder zählt die Partei in wenigen Wochen, sie ist in Umfragen mit der Union aus CDU und CSU gleichauf, ein linkes Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen hätte momentan eine knappe Mehrheit. "Ich danke Dir von Herzen!" Das Ergebnis bekannt. Schulz könnte seit Langem der härteste Widersacher sein. "Sein Verhalten grenzt an Arbeitsverweigerung", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) der "Süddeutschen Zeitung". Die SPD werde gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchsetzen. "Wir brauchen gebührenfreie Bildung von Anfang an, von der Kita bis zur Ausbildung". Zudem befindet sich Merkel im Gegensatz zu Schulz in einem Dilemma: Sie kann sich nicht mehr neu erfinden. Warten wir also ab, wie es mit dem Schulz-Hype weitergeht. "Es dürfte der fröhlichste und optimistischste Übergang zu einem neuen Parteivorsitz sein, den unsere Partei so in den letzten Jahrzehnten erlebt hat", sagte der 57-Jährige. Es sind bekannte Positionen und geläufige Formeln - ein detailliertes Programm will Schulz Ende Juni vorlegen. "Letztlich geht es darum, dass mehr Geld für Investitionen, für Bildung und Innovationen bereitgestellt wird", erklärte Uekermann. Er versprach einen fairen Wahlkampf, eine Herabwürdigung des politischen Gegners werde es mit ihm nicht geben. Das sei eine Lehre aus dem US-Wahlkampf von Donald Trump: "Die Verächtlichmachung, das Arbeiten mit gefälschten Nachrichten, die pauschale Verurteilung ganzer Gruppen von Menschen darf in Deutschland keinen Platz haben". Darüber hinaus fordert er einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Schulen und dass der Bund die Länder bei der Schulsozialarbeit unterstützt. Den "Feinden der Freiheit" und der Demokratie sagte er unter tosendem Applaus im Saal den Kampf an. In ihrer Eröffnungsrede erinnerte die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin und stellvertretende Parteivorsitzende Hannelore Kraft daran, in welchem Zustand Gabriel 2009 - nach bitterer Wahlniederlage und Zerwürfnissen nach innen und aussen - die SPD übernommen und gegen alle Widerstände wieder zurück in die Regierung gebracht hatte.

Schulz verwies bisher darauf, dass die Sozialdemokraten "seit mehr als 150 Jahren ein Bollwerk gegen Ausgrenzung, gegen Abschottung und gegen den Ultranationalismus" seien. Anschliessend wurde Schulz auch offiziell zum Kanzlerkandidaten bestimmt. Dafür würde er gefeiert mit langanhaltendem Applaus und "Jetzt-gehts-los-Rufen". Er habe SPD-Chef Martin Schulz aufgefordert, deutlich zu sagen, dass er nicht in ein Kabinett mit der Union gehe. Es wird mit einer überwältigenden Zustimmung gerechnet. Es gehe nicht, dass auf der einen Seite "locker-flockig mit der CDU regiert wird und die Politik fortgesetzt wird und auf der anderen Seite Martin Schulz der Anführer der außerparlamentarischen Opposition ist". Er hatte den Wiederaufbau der SPD nach 1945 maßgeblich mitgestaltet. Am Ende war ihm bei minutenlangen Standing Ovations jene Gunst der Delegierten geschenkt, die ihm in den vergangenen siebeneinhalb Jahren an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie allzu oft gefehlt hatte. Die Sozialdemokraten liegen inzwischen wieder auf Augenhöhe mit der Union oberhalb von 30 Prozent.

"Für die SPD ist Schulz ein Phänomen", sagt SWR-Hauptstadtkorrespondent Frank Wahlig, der den Sonderparteitag verfolgt hat. "Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist", bewertet ein sichtlich bewegter Schulz das Ergebnis eines im wahrsten Sinne außerordentlichen Parteitags in Berlin. Minutenlange stehende Ovationen, ein gerührter Martin Schulz.

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