Tote im Kühllaster: Prozess wegen Mordes beginnt

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Fast zwei Jahre nach dem Fund von 71 erstickten Flüchtlingen in einem Kühllastwagen in Österreich hat im ungarischen Kecskemét am Mittwoch der Prozess gegen elf mutmaßliche Schlepper begonnen. Erst am 27. August 2015 wird der verlassene Kühllaster von Autobahnpolizisten entdeckt. Am 26. August 2015 inspizierten österreichische Polizisten auf der Autobahn bei Parndorf östlich von Wien auf einer Nothaltebucht einen abgestellten Kühlwagen mit ungarischem Kennzeichen. Vier Männer - ein Afghane und drei Bulgaren - sind des Mordes angeklagt.

Internationale Medien begleiteten den Prozessauftakt mit enormem Interesse. Schon zu Beginn der Fahrt spricht ein Mann im Lkw von den Flüchtlingen im Wagen nur als "Abschaum".

Es sind, wie sich wenig später herausstellt, die Leichen von 71 Menschen - 59 Männern, acht Frauen und vier Kindern. Der Verlesung der Anklageschrift war eine langwierige Diskussion vorausgegangen, die der Hauptangeklagte vom Zaun gebrochen hatte.

Die Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und dem Irak kamen zunächst über die West-Balkan-Route, über die Türkei, Griechenland und Serbien zur ungarischen Grenze. Der mutmaßliche Bandenboss und Hauptangeklagte, ein 30-jähriger Afghane, hielt zum Auftakt des Verfahrens ein Transparent in arabischer Sprache in der Hand. Der Fahrer solle sie dann einfach irgendwo in Deutschland abladen. Den beiden wird u.a. qualifizierter Mord und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.

Am Mittwoch gibt sich Samsoor L.im Gerichtssaal kampfeslustig, in den Farben der afghanischen Fahne gekleidet: Die Gerichtsdolmetscherin könne nicht ordentlich Paschtu, seine Muttersprache, behauptet er. Die Protokolle machen den ganzen Zynismus dieses kriminellen Geschäfts deutlich. Der Ankläger forderte lebenslänglich, das bedeutet in Ungarn 25 Jahre Haft ohne Aussicht auf Strafminderung. Auf ihrer von Schleppern organisierten Fahrt nach Mitteleuropa erstickten sie qualvoll im Laderaum des Kühllasters. Bei Aufnahmen aus der Fahrerkabine war auf der letzten Fahrt vor der Festnahme der mutmaßlichen Täter zu hören gewesen, dass sowohl Fahrern als auch Hintermännern die Lebensgefahr, in der sich die Menschen auf der Ladefläche befanden, bewusst war. Die Bande soll laut Anklage zwischen Februar und August 2015 mehr als 1200Menschen nach Westeuropa geschleust haben. "Sag ihm, er soll weiterfahren". Wie NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf die Prozessakten berichteten, hatten ungarische Ermittler bereits zwei Wochen vor der tödlichen Fahrt die Telefone der Schleuserbande abgehört und die Gespräche aufgezeichnet - die Aufnahmegeräte liefen auch während der Todesfahrt.

Bereits nach 40 Minuten machten die Menschen in dem Lkw auf sich aufmerksam, dass sie keine Luft mehr bekommen. Sie klopften und hämmerten gegen die Wände und schrien verzweifelt. Demnach telefonierten der Lenker des Kühllasters, Ivajlo S. und die in anderen Fahrzeugen folgenden Todorov B., Metodi G. und der mutmassliche Schlepper-Chef Samsoor L. mehrmals. Der Fahrer stellte den Laster bei Parndorf ab und flüchtete mit dem Begleitfahrzeug seines Komplizen nach Ungarn. Angesichts des Verlaufs sei auch die Darstellung unrealistisch, die Behörden hätten das Drama verhindern können, schreibt die Anklagebehörde in ihrer Stellungnahme weiter.

Kurz darauf noch einmal der Fahrer: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier los ist, wie sie schreien". Als der Lkw die Grenze zu Österreich passierte, waren alle 71 tot. Wieder waren 67 Menschen ohne Luftzufuhr eingepfercht.

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