Tote im Kühllaster: Prozess wegen Mordes

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Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb lebenslängliche Zuchthausstrafe. Deren Leichen wurden in einem Kühl-Lkw bei Parndorf im Burgenland gefunden. Als die beiden Beamten nun die Ladetür öffnen, schlägt ihnen Verwesungsgeruch entgegen. Sie sind jetzt wegen mehrfachen Mordes unter besonders grausamen Umständen angeklagt.

Sie waren aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Iran geflohen und in der Nacht auf 26. August in einem Waldstück nahe der serbisch-ungarischen Grenze bei Morahalom in Ungarn in den Kühllaster gestiegen, um in den Westen zu gelangen. Auf ihrer von Schleppern organisierten Fahrt nach Mitteleuropa erstickten sie qualvoll im Laderaum des Kühllasters.

Weiter werden Flüchtlinge in Lkw und wackelige Boote steigen.

Tragödien dieses Ausmaßes ereigneten sich infolgedessen auf dem Landkorridor zwischen der Türkei und Österreich nicht mehr. Die 71 Menschen aus dem Kühllaster macht das nicht mehr lebendig.

Das Gericht in Kecskemet hat nach dem Prozessauftakt am Mittwoch noch weitere Verhandlungstage für den 22., 23., 29. und 30. Juni angesetzt.

Ungarn übernahm die juristische Aufarbeitung, weil die Opfer bereits auf ungarischem Gebiet gestorben waren. Gegen einen Verdächtigen wird in Abwesenheit verhandelt, da er sich auf der Flucht befindet.

Die Zahl der Menschen, die trotz Zäunen und Grenzkontrollen fortan über Bulgarien und Serbien herandrängen, hat sich enorm verringert. Den "Todes-Lkw" hatten die Schlepper bei einem dortigen Gebrauchtwagenhändler gekauft.

Schwierigkeiten gab es auch mit dem Hauptangeklagten Lahoo S., der sich während der Verlesung der Anklage laufend über die Übersetzung beschwerte. Zehn Dolmetscher werden aufgeboten, um zwischen Ungarisch und Paschtu - der Muttersprache des afghanischen Angeklagten - sowie Bulgarisch zu übersetzen. Immer wieder wurden Menschen in den Laderäumen ohnmächtig.

Anklagepunkt 25 beinhaltet den "Todes-Lkw" von Parndorf.

Der 30-jährige Chef der Bande, ein Afghane, schloss sich im Frühjahr 2015 einer international agierenden kriminellen Organisation an, die illegale Migranten nach Westeuropa, vornämlich nach Österreich und Deutschland schleuste. Diese Fahrten wurden zur Qual für die Geschleppten, so die Staatsanwaltschaft. Dafür kann in Ungarn eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Aussicht auf vorzeitige Freilassung verhängt werden.

Zugleich sind nur sieben Zeugen vorgeladen. Neun Bandenmitglieder werden auf der Anklagebank Platz nehmen. Deswegen hätten die ungarischen Medien wohl zumeist wenig Interesse gezeigt. Sogar die Gespräche der an der Todesfahrt Beteiligten zeichnete die Behörde demnach auf.

Die Beweise sind erdrückend: Die Anklage stützt sich auf abgehörte Telefongespräche.

Nachdem der Lkw wieder weitergefahren ist, sprechen der Fahrer und Metodi G. um 6.16 Uhr erneut miteinander. Zwar seien die Telefonate der wichtigsten Organisatoren des Schlepperrings damals schon gut zwei Wochen lang abgehört worden.

Laut Anklage soll die Bande mehr als 1200 Flüchtlinge auf der Balkanroute Richtung Deutschland transportiert haben, bis zu 5000 Euro kassierten die Schleuser pro Person.

Die Enthüllungen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" werfen aber auch die Frage auf, warum die ungarischen Behörden nicht eingeschritten sind. "Durch Ungarn sind sie nur durchgereist". Der Prozess könnte deutlich länger als vorgesehen dauern - schon zum Auftakt gab es wegen der Dolmetscherin teils lautstarke Auseinandersetzungen im Gerichtssaal.

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