Castorf am Berliner Ensemble: Premiere von "Les Misérables"

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In seiner Version von "Les Misérables" bot Castorf alles, was das Publikum von ihm gewohnt ist: Slapstick, Videoeinsatz, Klamauk. Beachtlich ist lediglich die Dauer der Aufführung: siebeneinhalb Stunden. Die gedankliche Tiefe der 1862 erschienenen, etwa 1700 Seiten umfassenden Vorlage erreicht die Inszenierung allerdings nur momentweise. Castorf erklärte, er wolle eine mit vielen Assoziationen von der Arbeit Bertolt Brechts über Worte des Dichters Heiner Müller bis hin zur politischen Lage im heutigen Kuba gespickte Inszenierung zeigen. Darin schildert der kubanische Autor Guillermo Cabrera Infante Episoden aus dem Alltag Havannas unter Diktator Batista in den 1950er Jahren. Erzählt wird die Geschichte des Sträflings Jean Valjean und seines Gegenspielers, Polizei-Inspektor Javert. Valjeans Kampf um moralische Integrität und soziale Anerkennung mutet in all den Momentaufnahmen karibischer Tristesse oftmals fast störend an.

Der Kritiker: "Gespielt wird in einem sich nahezu ständig drehenden Gewirr aus Büro, Gemüsemarktstand, Hotelzimmer, Treppen, einem Turm, Balkon und Gefängnis". Entworfen hat den Bau Bühnenbildner Aleksandar Denic.

Dabei hat der von Mikrofonen und Videokameras begleitete Abend durchaus Stärken, auch wenn er künstlerisch nicht immer überzeugt. Die beiden agieren bezwingend schlicht und deshalb eindrucksvoll. Die ersten Besucher gingen bereits vor der Pause. In dieser und danach verliessen noch mehr Zuschauer die Vorstellung. Die, die blieben, quittierten den Theater-Marathon gegen halb zwei nachts mit freundlichem Applaus.

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