Warum macht Lesen kurzsichtig? Aktuell in Scientific Reports veröffentlicht

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Schon das Gymnasium verlassen rund die Hälfte aller Schüler mit einer Brille gegen Kurzsichtigkeit. Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz in einer älteren Mitteilung erklärte.

Spielt dieser Mechanismus auch beim Menschen eine Rolle spielt? Forscher aus Tübingen fanden nun eine mögliche Ursache. Im Fachmagazin "Scientific Reports Nature" berichten sie über ihre Forschungsergebnisse.

Bei Kurzsichtigen erscheint das scharfe Bild im Auge etwas vor der Netzhaut. Ein einfacher aber wirkungsvoller Weg Kurzsichtigkeit vorzubeugen, ist das Lesen von invertiertem Text, also weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Tatsächlich nimmt die sogenannte Myopie mit zunehmendem Bildungsgrad zu: Jeder zweite Abiturient in Deutschland ist kurzsichtig und mit jedem Jahr Ausbildung kommt im Schnitt etwa eine Viertel-Dioptrie hinzu.

Kurzsichtigkeit ist weit verbreitet. Neben genetischen Ursachen scheint eine mangelnde Zeit bei Tageslicht im Freien sowie Lesen das Risiko für Myopie zu erhöhen. Andrea C. Aleman, Min Wang und Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben nun einen unerwarteten Grund gefunden, warum Lesen kurzsichtig machen könnte.

Anders als eine Digitalkamera, die jeden Pixel ausliest, misst die Netzhaut (Retina) Unterschiede zwischen benachbarten "Pixeln" unserer Umwelt.

Die Sehinformation wird also massiv reduziert, was notwendig ist, da die Netzhaut zwar über rund 125 Millionen "Pixel" verfügt, der Sehnerv aber nur über etwa eine Million "Kabel".

So genannte ON-Zellen entscheiden, ob die anvisierte Mitte heller und die Umgebung dunkler ist. Andere wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler, und die Umgebung heller ist (OFF-Zellen). Beim normalen Sehen werden beide Typen ähnlich stark gereizt. Aber wie ist das beim Lesen von Text? Dabei hat sich gezeigt, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt (Abbildung 1A), während heller Text auf dunklem Hintergrund hauptsächlich die ON-Zellen reizt (Abbildung 1B). Bei ihren Untersuchungen zeigte sich, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt, während heller Text auf dunklem Hintergrund vorrangig die ON-Zellen stimuliert.

Von früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmt, die Stimulation der OFF-Zellen es dagegen verstärkt. Der Hintergrund: Eine Veränderung der Dicke dieser Schicht hinter der Netzhaut sagt vorher, wie das Wachstum des Augapfels in nächster Zeit fortschreiten wird.

Mittels der optischen Kohärenztomographie (OCT) kann im lebenden Auge die Dicke der Gewebsschichten genau vermessen (Mikrometerbereich) werden. "Den Textkontrast umzukehren, wäre deshalb eine einfach umzusetzende Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten, denn immer mehr Zeit wird beim Arbeiten und Lesen an Computerbildschirmen und Tablets verbracht". Um diese These zu überprüfen, ließen die Forscher Probanden an einem Bildschirm entweder dunklen Text auf hellem Hintergrund oder hellen Text auf dunklem Hintergrund lesen. Dies wurde sowohl bei Hühnern und verschiedenen Affenarten als auch bei Kindern bereits erforscht. Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entstehung einer Kurzsichtigkeit hin, wird sie dicker, bleibt das Wachstum des Augapfels gehemmt und es entwickelt sich keine Kurzsichtigkeit.

Die Forscher haben Probanden dunklen Text auf hellem Hintergrund lesen lassen sowie hellen Text auf dunklem Hintergrund.

Bereits nach 30 Minuten konnten sie messen, dass die Aderhaut dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde, und dicker, wenn Text mit umgekehrtem Kontrast gelesen wurde. Das heißt es entwickelte sich bereits eine Kurzsichtigkeit.

Als nächstes wollen die Tübinger Wissenschaftler ihre Ergebnisse in einer Studie mit Schulkindern überprüfen.

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