Streit um Pastor: Nach US-Sanktionen gegen Türkei: Scharfe Kritik aus Ankara

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Nach Bekanntgabe der US-Sanktionen am Mittwoch brach die türkische Lira um 1,6 Prozent ein. Die Türkei befindet sich auf dünnem Eis. "Beide haben führende Rollen bei der Inhaftierung und Festnahme von Pastor Brunson gespielt", sagte US-Präsidentensprecherin Sarah Sanders Durch die Sanktionen werden die Vermögen der Minister in den USA eingefroren, außerdem dürfen US-Bürger keine Geschäfte mit ihnen abschließen. Trump hatte sich mehrmals persönlich für die Freilassung des Geistlichen eingesetzt; Presseberichten zufolge waren Verhandlungen zwischen USA und Türkei bereits weit gediehen, platzten dann aber, weil Ankara neue Forderungen stellte und ein türkisches Gericht die Freilassung des 50-Jährigen ablehnte. Das Wirtschaftswachstum ist groß - aber die Inflation ist massiv, die Arbeitslosenzahlen sind hoch und das Vertrauen ausländischer Investoren nach Putschversuch, zwei Jahren Ausnahmezustand und Totalumbau des Staates im neuen Präsidialsystem ist gering.

Brunson, ein Missionar und Pastor einer kleinen evangelikanischen Kirchengemeinde in Izmir, war vor fast zwei Jahren wegen angeblicher Zusammenarbeit mit der Bewegung des Erdogan-Erzfeindes Fethullah Gülen und mit der kurdischen Terrororganisation PKK festgenommen worden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor Brunson eine "evangelikale, zionistische Mentalität" vorgeworfen.

Die USA haben diesen Wertverlust der türkischen Währung ausgelöst, indem sie gegen zwei türkische Minister Sanktionen verhängten. Konkrete Sanktionen gegen die USA verkündete die Regierung in Ankara am Donnerstag allerdings nicht.

Andrew Craig Brunson (M), Pastor aus den USA, verlässt ein Gefängnis ausserhalb von Izmir.

Weil die Türkei einen inhaftierten amerikanischen Pastor nicht freilässt, haben die USA Sanktionen verhängt. Zudem forderte sie die USA dazu auf, die Entscheidung zurückzunehmen.

"Die Angelegenheit wurde auf allen Ebenen angesprochen - der Präsident hat mit der türkischen Staatführung geredet, der Vize-Präsident auch, der Außenminister, ich auch - wir werden da nicht locker lassen". "Die strategische Partnerschaft zwischen Türkei und USA ist beendet", schrieb Ibrahim Karagül, Chefredakteur der Erdogantreuen Zeitung "Yeni Safak". Auch das offizielle Statement des türkischen Außenministeriums lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Wir protestieren gegen diesen beispiellosen Akt, der nicht ohne Gegenmaßnahmen bleiben wird".

US-Außenminister Mike Pompeo ließ am Mittwochabend mitteilen, dass er kommende Woche seinen türkischen Kollegen Cavusoglu treffen werde. Allein die Androhung von US-Sanktionen hatte die Lira am Mittwoch auf Rekordtiefstände geschickt. Der US-Dollar stieg im Verhältnis zur Lira in der Spitze bis auf den historischen Höchststand von 4,9985 Lira. Der Euro-Kurs erreichte einen Rekordwert von 5,9 Lira.

Finanzminister (und Präsidenten-Schwiegersohn) Berat Albayrak sah sich am Donnerstag sogar genötigt, eine schriftliche Stellungnahme zu verschicken, in der er laut staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu versicherte, dass sich dieser "Fehler" nur "begrenzt" auswirken werde. Der Konflikt hat sich jetzt so weit hochgeschaukelt, dass es sowohl für die USA als auch für die Türkei schwierig wird, eine gesichtswahrende Lösung zu finden. "Pastor Brunson muss aus dem Hausarrest gelassen und zurück nach Hause gebracht werden". Der Senat in Washington fordert den Stopp der Lieferung von amerikanischen Kampfjets nach Ankara, weil die türkische Regierung ein russisches Raketenabwehrsystem kaufen will.

Auch oppositionelle Medien wie die Zeitung Sözcü sprechen von "skandalösen Sanktionen", das Nachrichtenportal Odatv vom "Krieg gegen die Türkei". Während Sanktionen im Raum stehen, schickte Trump seinen obersten General in Europa, Curtis Michael Scaparrotti, auf Stippvisite nach Ankara. Brunson weist die Vorwürfe zurück und nennt sie "beschämend und abscheulich".

Das Schicksal Brunsons bewegt das evangelikale Amerika - Trumps solide Wählerbasis - sehr. Es gebe keine glaubwürdigen Beweise gegen den Pastor. "Aber Ihr habt auch einen Pastor". Gleichzeitig verwies die Regierung in Ankara immer wieder darauf, dass die türkische Justiz unabhängig sei - was Experten allerdings in Abrede stellen.

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