May wirft EU mangelnden Respekt gegenüber Großbritannien vor

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Die britische Premierministerin Theresa May hat der EU vorgeworfen, in den Brexit-Verhandlungen gegenüber Großbritannien nicht genug Respekt an den Tag zu legen, meldet die Agentur AFP. Die britische Premierministerin informierte ihre 27 EU-Kollegen, wie sie den Stand der Brexit-Verhandlungen beurteilt. Die britischen Wünsche haben sich hier verändert: Anfang des Jahres bestand London noch auf einem sehr ausführlichen Papier. Ausgenommen wären aber Dienstleistungen. Das lehnt die EU kategorisch ab, weil sie Wettbewerbsverzerrungen durch britische Anbieter fürchtet. EU-Ratschef Donald Tusk reagierte verwundert, da die Haltung der EU seit Wochen bekannt gewesen sei.

Alle bisherigen Vorschläge aus London gelten jedenfalls als nicht akzeptabel. Besonders Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht auf der Bremse.

Dass die EU-27 gegenüber London hart bleiben würden, hatte sich im Vorfeld des Gipfels zwar in Brüssel abgezeichnet - war in Großbritannien in dieser Intensität aber offenbar nicht erwartet worden.

Ein großer Streitpunkt bei den Gesprächen ist, wie künftig Grenzkontrollen zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland vermieden werden könnten.

Die "Financial Times" sprach von einer "Demütigung für May".

Der CDU-Europapolitiker Brok sieht indes genau Mays fehlenden Rückhalt in den eigenen Reihen als Grund für die Brexit-Blockade. Der "Daily Mirror" erklärte Mays Austrittspläne kurzerhand für gescheitert: "Ihr Brexit ist kaputt". "Nein, Nein, Nein", schrieb die Zeitung "Metro" auf Deutsch in riesigen Buchstaben auf ihrer ersten Seite, illustriert mit einem Foto einer konsterniert dreinschauenden May.

Der britische Außenminister Jeremy Hunt mahnte die EU-Politiker am Samstag in einem BBC-Interview, "britische Höflichkeit nicht mit Schwäche zu verwechseln". Die Absage der EU an den Plan der britischen Regierung zur Ausgestaltung der künftigen Handelsbeziehungen sei "inakzeptabel".

Die andere Seite habe keine konkrete Begründung gegeben oder Gegenvorschläge gemacht. Das sage er als "enger Freund" Großbritanniens und "wahrer Bewunderer" von May.

"Kein Abkommen ist besser als ein schlechtes Abkommen", betonte die britische Regierungschefin am Freitag. Das britische Pfund gab während der Ansprache deutlich nach. Brexit-Minister Dominic Raab beklagte, einige Teilnehmer hätten in Salzburg kein staatsmännisches Verhalten gezeigt. Die EU kann London umso weiter entgegenkommen, je näher sich Großbritannien künftig an die EU anlehnen wird, etwa durch eine erweiterte Zollunion.

Verkehrsminister Chris Grayling sagte, die von der EU vorgelegten Vorschläge zur Nordirland-Grenze könnten von keiner britischen Regierung akzeptiert werden.

May steht kurz vor dem Parteitag der Konservativen besonders unter Druck. Die EU hofft jedoch nach Broks Worten, dass May nach überstandenem Parteitag größere Spielräume haben wird. "Wir sind mit Großbritannien nicht im Krieg", sagte er der "Presse" (Freitag-Ausgabe). Optimistischer Nachsatz: "Don't worry, be happy". Am Donnerstag hatten die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem informellen Gipfeltreffen in Salzburg die britischen Vorschläge zum Brexit abgelehnt. Dies wird von der EU als "Rosinenpickerei" und Untergrabung des Binnenmarkts bezeichnet. In Irland mehren sich allerdings die Zweifel, dass bis zum EU-Ratsgipfel am 18. Oktober ein Kompromiss gefunden wird - Audio dazu in oe1.ORF.at. Und ein No-Deal-Brexit rückt tatsächlich näher.

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